Kreatin bei Demenz - Studienlage

Kreatin und neurologische Erkrankungen: Was sagen Meta-Studien?

Kreatin ist vor allem als Nahrungsergänzungsmittel für Sportler bekannt. Doch neuere Forschung deutet darauf hin, dass diese natürliche Substanz auch für das Gehirn von Interesse sein könnte. In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die aktuelle Meta-Analyse-Evidenz zum Thema Kreatin und neurologische Erkrankungen wie Demenz. Was ist Kreatin und wie wirkt es im Gehirn?

Kreatin ist eine körpereigene Substanz, die der Körper selbst in der Leber, den Nieren und der Bauchspeicheldrüse produziert. Zusätzlich nehmen Menschen Kreatin über Lebensmittel wie Fleisch und Fisch auf. Im Körper spielt Kreatin eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel: Es wird in den Muskeln und im Gehirn als Kreatinphosphat gespeichert und stellt schnell verfügbare Energie bereit, indem es hilft, Adenosintriphosphat (ATP) rasch wiederherzustellen.

Für das Gehirn ist diese Energiebereitstellung besonders wichtig, da das Gehirn ein sehr energieintensives Organ ist. Neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer gehen mit einer reduzierten Fähigkeit einher, Energie effizient zu nutzen. Dies war der Grund, warum Forscher zu der Hypothese kamen, dass zusätzliche Kreatinzufuhr die Folgeerscheinungen solcher Erkrankungen reduzieren könnte.

Die wichtigsten Meta-Analysen

Xu et al. (2024) – Die umfassendste aktuelle Studie

Die wohl bedeutendste aktuelle Meta-Analyse stammt von Xu und Kollegen aus dem Jahr 2024 und wurde in Frontiers in Nutrition veröffentlicht. Diese Analyse ist besonders relevant, weil sie die bisher umfassendsten Daten zusammenfasst.

Die Studie untersuchte 16 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 492 Teilnehmern im Alter zwischen 20,8 und 76,4 Jahren. Die Teilnehmer wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt: Drei Studien konzentrierten sich auf ältere Erwachsene (über 60 Jahre), während 13 Studien sich mit jüngeren Erwachsenen (18–59 Jahre) befassten. Bezüglich des Gesundheitsstatus fokussierten 13 Studien auf gesunde Personen, während drei Studien Patienten mit spezifischen Erkrankungen wie Fibromyalgie, leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) im Zusammenhang mit Parkinson und chronischer Schizophrenie untersuchten.

Die Ergebnisse waren vielversprechend: Kreatinmonohydrat zeigte signifikant positive Effekte auf:

  • Das Gedächtnis (SMD = 0,31)
  • Die Aufmerksamkeit und die Zeit zur Aufmerksamkeitsleistung (SMD = -0,31)- Die Verarbeitungsgeschwindigkeit (SMD = -0,51)Besonders interessant war die Subgruppenanalyse: Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Kreatin besonders bei Menschen mit Erkrankungen, bei Personen im Alter von 18–60 Jahren und bei Frauen vorteilhaft war.
  • Die Studie schloss jedoch auch ein wichtiges Ergebnis mit ein: Es wurden keine signifikanten Verbesserungen bei der allgemeinen kognitiven Funktion oder bei der exekutiven Funktion gefunden. Dies zeigt, dass die Effekte von Kreatin zielgerichtet und nicht universell sind.

Alzheimer’s Drug Discovery Foundation – Cognitive Vitality Review

Die Alzheimer’s Drug Discovery Foundation hat eine systematische Übersichtsarbeit durchgeführt und identifizierte 2 Meta-Analysen sowie 3 Beobachtungsstudien zum Thema Kreatin und Kognition.

Ein wichtiges Ergebnis dieser Analysen war, dass eine höhere diätetische Kreatinaufnahme von 1 Gramm oder mehr pro Tag mit besserer kognitiver Leistung bei Menschen über 60 Jahren assoziiert ist. Dies deutet darauf hin, dass bereits eine ausreichende Kreatinzufuhr durch die Ernährung wichtig für die kognitiven Funktionen im Alter ist.

Allerdings machte die Foundation auch eine wichtige Einschränkung: Das Gehirn reguliert seinen Kreatinspiegel sehr genau. Das bedeutet, dass der Kreatinspiegel im Gehirn weniger stark auf schwankende Konzentrationen in der Ernährung reagiert als der Kreatinspiegel in den Muskeln. Vegetarier beispielsweise haben tendenziell niedrigere intramuskuläre Spiegel, aber normale Kreatinspiegel im Gehirn.

Prokopidis et al. (2023) – Gedächtnisfokussierte Analyse

Prokopidis und sein Team führten eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse durch, die speziell 23 randomisierte kontrollierte Studien zum Thema Gedächtniseffekte von Kreatinsupplementierung analysierte. Fast die Hälfte dieser Studien verglich die Auswirkungen von Kreatinsupplementierung mit Placebo.

Ergebnisse bei neurodegenerativen Erkrankungen

Parkinson-Krankheit

Die Evidenz für Kreatin bei Parkinson ist weniger vielversprechend als erhofft. Eine große Pilotstudie (CREST-HD) mit 8 Gramm Kreatin pro Tag führte zwar zu einer Senkung eines DNA-Oxidationsmarkers (8OHdG), doch die Eignung dieses Markers als Wirksamskeitsmarker wurde später in Frage gestellt.

Noch enttäuschender waren die Ergebnisse der größten Parkinson-Studie: Selbst mit 10 Gramm Kreatin pro Tag über mehrere Jahre zeigte sich kein klinischer Nutzen. Meta-Analysen bestätigen dieses negative Ergebnis.

Eine vielversprechendere Kombinationsstudie untersuchte 75 Patienten mit Parkinson-bezogener leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI), die Kreatin monohydrat (5 g zweimal täglich) zusammen mit CoQ10 (100 mg) erhielten. Dies deutet darauf hin, dass eine Kombinationstherapie möglicherweise erfolgversprechender sein könnte als Kreatin allein.

Huntington-Krankheit

Auch bei der Huntington-Krankheit zeigten sich Kreatin-Supplementierungen relativ erfolglos. In der größten HD-Studie (CREST-E) wurden Dosen von bis zu 40 Gramm pro Tag getestet – ohne Erfolg. Die Studie musste wegen mangelnder Wirksamkeit (Futility) gestoppt werden, da die Behandlung keinen Effekt auf den primären Funktionsendpunkt (Total Functional Capacity) hatte. Zusätzlich traten gastrointestinale Nebenwirkungen häufiger auf.

Alzheimer-Demenz: Die vielversprechendsten Ergebnisse

Bei Alzheimer gibt es etwas Ermutigendes zu berichten. Während Kreatin-Supplementierung bei Parkinson und Huntington enttäuschend war, zeigen sich bei Alzheimer die ersten vielversprechenden Signale.

Eine neue Pilotstudie der Universität Kansas ist besonders bemerkenswert: Das Forschungsteam untersuchte erstmals in einer kleinen Studie, ob Kreatin Menschen mit Alzheimer-Demenz helfen kann. Die Ergebnisse dieser Pilotstudie sind vielversprechend:

Nach acht Wochen täglicher Einnahme von 20 Gramm Kreatin (Kreatinmonohydrat) verbesserte sich bei 19 Alzheimer-Patienten zwischen 60 und 90 Jahren:

  • Die Arbeitsgedächtnisleistung
  • Die Fähigkeit zur Konzentration

„Diese vorläufigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass gute Dinge geschehen und Kreatin einen Nutzen hat“, erklärte Studienleiter Dr. Matthew Taylor, Assistenzprofessor für Diätetik und Ernährung an der Universität Kansas.

Die Ergebnisse wurden in dem Fachmagazin „Alzheimer’s & Dementia“ veröffentlicht.

Es gibt auch eine laufende größere Studie (NCT05383833), die die Auswirkungen von 20 g Kreatinmonohydrat pro Tag (10 g zweimal täglich) über acht Wochen auf Veränderungen in peripheren und zentralen Kreatinspiegeln, Kognition und Muskelkraft bei 20 Alzheimer-Patienten testet. Diese Studie wird voraussichtlich 2025 abgeschlossen.

Allgemeine Sicherheit und Nebenwirkungen

In Hunderten von klinischen Studien hat sich Kreatin als relativ sicher erwiesen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind gastrointestinale Symptome, wie in einigen Studien beobachtet wurde (beispielsweise in der CREST-E Studie bei Huntington).

Ein wichtiger Punkt ist die Auswirkung auf die Nierenfunktion. Eine Meta-Analyse mit sechs Studien fand, dass Kreatinsupplementierung die Kreatinin-Spiegel nicht signifikant beeinflusste. Es wird jedoch empfohlen, bei Personen mit etablierter Nierenfunktionsstörung vorsichtig zu sein. Es ist wichtig zu beachten, dass der Serum-Kreatinin-Spiegel unter Kreatin-Supplementierung ansteigen kann, ohne dass eine echte Nierenschädigung vorliegt.

Dosierung und praktische Empfehlungen

Für eine praktische Anwendung werden folgende Richtlinien empfohlen:

  • Kreatinmonohydrat (von Drittanbietern getestet)
  • 3–5 g pro Tag zu einer Mahlzeit
  • Achten Sie auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Beobachten Sie die gastrointestinale Verträglichkeit

Bei höherem Alter oder Begleiterkrankungen können Basis-Nierenwerte sinnvoll sein. Geschlechtsspezifische Unterschiede Neuere Forschung deutet darauf hin, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Reaktion auf Kreatinsupplementierung gibt. Frauen scheinen von der Supplementierung möglicherweise stärker zu profitieren als Männer. Dies liegt daran, dass die endogenen Kreatinspeicher zwischen Männern und Frauen unterschiedlich sind, und dass Studien darauf hindeuten, dass die Reaktionsfähigkeit auf Supplementierung geschlechtsspezifisch sein kann.

Zusammenfassung: Was sagen die Meta-Analysen? Die Meta-Analysen zeigen ein differenziertes Bild: Positive Effekte bei:

  • Gedächtnisleistung bei gesunden älteren Erwachsenen
  • Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • Wahrscheinlich besser bei Menschen mit Erkrankungen als bei gesunden Personen
  • Erste vielversprechende Signale bei Alzheimer-Demenz
  • Weniger Erfolg bei: Parkinson-Krankheit (auch bei hohen Dosen)
  • Huntington-Krankheit (auch bei sehr hohen Dosen bis 40g/Tag)
  • ALS und Multiple Sklerose
  • Etablierte neurodegenerative Erkrankungen mit motorischen Komponenten

Wichtige Einschränkungen:

Es ist wichtig zu verstehen, dass viele der bestehenden Studien kleine Stichprobengrößen haben, heterogene Designs aufweisen und inkonsistente Ergebnisse zeigen. Die Forscher betonen in ihren Publikationen die Notwendigkeit für zukünftige, großer angelegte Studien mit standardisierteren Methoden.

Außerdem konzentrierten sich die meisten Studien auf gesunde Erwachsene. Es gibt begrenzte Evidenz für spezifische Populationen wie ältere Menschen und Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen. Die kognitiven Funktionen dieser Populationen können von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden, und die Auswirkungen von Kreatinsupplementierung können unterschiedlich sein.

Abschließende Gedanken

Die aktuelle Evidenz deutet darauf hin, dass Kreatin ein sicheres Nahrungsergänzungsmittel ist, das möglicherweise einige kognitive Vorteile bietet – besonders bei älteren Menschen und bei Personen mit bestimmten Erkrankungen. Die vielversprechendsten Ergebnisse sind derzeit bei Alzheimer-Demenz zu sehen, während die Ergebnisse bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson weniger positiv sind.

Wenn Sie an Kreatin-Supplementierung interessiert sind, insbesondere wenn Sie an einer neurologischen Erkrankung leiden, sollten Sie dies mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin besprechen. Die jüngsten Pilotdaten rechtfertigen Interesse, aber keinen automatischen Therapieanspruch. Und wenn ein „studienähnliches“ Vorgehen mit höheren Dosen in Betracht gezogen wird, sollte dies ausschließlich gemeinsam mit Ihrer Neurologie und mit Blick auf laufende klinische Studien erfolgen.

Quellenangaben

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  • Stares, A., & Bains, M. (2024). The additive effects of creatine supplementation and exercise training in an aging population: A systematic review of randomized controlled trials. International Journal of Innovative Technologies in Social Science, 3(47).

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